Wer „Artemisia“ in eine Suchmaschine tippt, meint selten dasselbe. Der eine sucht die Pflanze hinter dem Nobelpreis von 2015, der andere das Gewürz für den Gänsebraten, der dritte ein silbriges Polster fürs Steingartenbeet. Alle drei liegen richtig – denn Artemisia ist kein Produkt und keine einzelne Pflanze, sondern eine ganze Gattung mit mehreren hundert Arten. Dieser Überblick zeigt, welche Arten wirklich zählen, wie man sie auseinanderhält und welche gemeint ist, wenn im Handel schlicht „Artemisia“ steht.

Was ist Artemisia?
Artemisia ist eine Pflanzengattung innerhalb der Korbblütler (Asteraceae) – jener Familie, zu der auch Kamille, Sonnenblume und Löwenzahn gehören. Je nach Quelle werden ihr zwischen 200 und knapp 500 Arten zugerechnet [1][3]. Verbreitet sind sie fast ausschließlich auf der Nordhalbkugel: in Europa, Asien und Nordamerika, mit Schwerpunkten in trockenen, sonnigen und eher nährstoffarmen Lagen.
So unterschiedlich die Arten aussehen – vom knietiefen Polster bis zum mannshohen Strauch –, drei Dinge haben fast alle gemeinsam: Sie sind aromatisch, weil ihre Blätter ätherische Öle enthalten. Sie haben unscheinbare Blüten, denn bestäubt wird bei vielen Arten über den Wind, nicht über Insekten. Und sie sind genügsam: Trockenheit und magerer Boden stören sie wenig, Staunässe dagegen sehr.
| Familie | KorbblĂĽtler (Asteraceae) |
| Artenzahl | je nach Quelle 200 bis knapp 500 |
| Verbreitung | ĂĽberwiegend Nordhalbkugel, trockene und sonnige Lagen |
| Wuchsformen | einjährige Kräuter, ausdauernde Stauden, Halbsträucher |
| Blätter | meist geteilt bis fein gefiedert, oft grau- oder silberfilzig |
| Blüten | kleine, unauffällige Körbchen in Rispen; häufig Windbestäubung |
| Gemeinsames Merkmal | ätherische Öle – die Blätter duften beim Zerreiben deutlich |
| Deutsche Sammelnamen | BeifuĂź, Wermut, Estragon, Eberraute, Edelraute |
Woher der Name kommt
Für den Gattungsnamen gibt es zwei Erklärungen, und beide sind alt. Die eine verweist auf Artemis, die griechische Göttin der Jagd und der Wildnis. Die andere auf Artemisia II. von Karien, eine Herrscherin des 4. Jahrhunderts vor Christus, die sich der Botanik und der Heilkunde widmete. Welche der beiden Pate stand, lässt sich nicht mehr klären – überliefert sind beide Deutungen.
Deutlich jünger ist der deutsche Sammelname „Beifuß“. Er gilt nicht der ganzen Gattung, sondern traditionell dem Gewöhnlichen Beifuß – und stiftet bis heute Verwirrung, weil mehrere Artemisia-Arten so genannt werden. Wer botanisch eindeutig sein will, kommt am wissenschaftlichen Namen nicht vorbei.
Die wichtigsten Arten im Porträt
Von mehreren hundert Arten spielen im deutschsprachigen Raum eine Handvoll eine Rolle: in der KĂĽche, im Garten, im Handel mit pflanzlichen Rohstoffen. Hier sind sie, jeweils mit dem, was sie unverwechselbar macht.
Artemisia annua – Einjähriger Beifuß

Die einzige einjährige Art in dieser Runde: Sie keimt im Frühjahr, wird in einer Saison ein bis zwei Meter hoch und stirbt nach der Samenreife ab. Ihr Laub ist mehrfach gefiedert, fast farnartig fein, und beidseitig grün. Zerrieben duftet es intensiv süßlich-aromatisch. Ursprünglich aus Asien stammend, ist sie heute weltweit verbreitet [1].
Bekannt wurde sie durch Artemisinin, einen Pflanzenstoff, dessen Erforschung 2015 mit dem Medizin-Nobelpreis an Tu Youyou gewürdigt wurde [4]. Was es damit auf sich hat, erklären wir ausführlich im Artemisinin-Porträt; die ganze Pflanze beschreibt unser Pflanzenporträt.
Artemisia vulgaris – Gewöhnlicher Beifuß

Die Art, die in Deutschland an jedem zweiten Wegrand steht: eine ausdauernde Staude, ein bis zwei Meter hoch, mit gröber gelappten Blättern. Ihr sicherstes Erkennungsmerkmal sitzt auf der Blattunterseite – sie ist weißfilzig behaart, während die Oberseite dunkelgrün bleibt. In der Küche ist sie der Klassiker zu Gans und Ente.
Zwei Dinge sind wichtig: Artemisia vulgaris enthält praktisch kein Artemisinin – die beiden Beifuß-Arten sind nicht austauschbar (Details im Artenvergleich). Und ihre Pollen zählen im Spätsommer zu den bedeutenden Auslösern von Heuschnupfen, mit bekannten Kreuzreaktionen zu Sellerie und einigen Gewürzen [2].
Artemisia absinthium – Wermut

Silbrig-grau, samtig behaart und von allen Arten die bitterste: Der Wermut ist ein Halbstrauch, der einen halben bis gut einen Meter hoch wird. Seine Bitterstoffe haben Kulturgeschichte geschrieben – vom Wermutwein bis zum Absinth, jener Spirituose, die um 1900 in mehreren Ländern verboten wurde. Heute ist sie wieder erlaubt; für Thujon, einen Bestandteil des ätherischen Öls, gelten in der EU allerdings Höchstmengen in Getränken [3].
Artemisia dracunculus – Estragon

Die Ausnahme in der Gattung: Estragon hat schmale, glatte, ungeteilte Blätter – kein Fiederblatt weit und breit. Wer die Gattung nach dem typischen Laub sucht, übersieht ihn leicht. Sein Aroma erinnert an Anis und macht ihn zur Grundlage von Sauce béarnaise und Estragonessig. Im Handel unterscheidet man französischen Estragon (feiner, über Stecklinge vermehrt) und russischen (robuster, aus Samen, deutlich milder).
Artemisia abrotanum – Eberraute

Ein alter Bauerngartenstrauch mit fein zerteiltem, hellgrünem Laub, der bis zu anderthalb Meter erreicht. Bekannt ist er vor allem für seinen Duft: Manche Sorten riechen zerrieben nach Zitrone, andere so auffällig nach Cola, dass die Pflanze im Handel gern als „Cola-Kraut“ verkauft wird. Als Zier- und Duftpflanze ist die Eberraute robust und langlebig.
Artemisia schmidtiana – Silberraute

Hier zählt allein die Optik: Die Sorte „Nana“ bildet dichte, silbrig behaarte Polster von 20 bis 30 Zentimetern und wird als Beet- und Steingartenpflanze verkauft. Sie verträgt Trockenheit gut, mag durchlässigen Boden und volle Sonne – Staunässe dagegen nimmt sie übel. Mit Küche oder Rohstoffhandel hat sie nichts zu tun.
Artemisia tridentata – Sagebrush

Der Vollständigkeit halber ein Blick nach Nordamerika: Artemisia tridentata prägt als graublauer Strauch weite Halbwüsten des amerikanischen Westens und ist Staatspflanze von Nevada. Anders als die europäischen Verwandten ist sie immergrün und verholzt vollständig. In Europa spielt sie keine Rolle – sie zeigt aber, welche Bandbreite die Gattung hat.
Alle Arten im Vergleich
| Art | Deutscher Name | Wuchs | Typische Rolle |
|---|---|---|---|
| A. annua | Einjähriger Beifuß | einjährig, 1–2 m | Rohstoffpflanze, Forschung |
| A. vulgaris | Gewöhnlicher Beifuß | Staude, 1–2 m | Küchengewürz, Wildpflanze |
| A. absinthium | Wermut | Halbstrauch, 0,5–1 m | Bitterspirituosen, Bauerngarten |
| A. dracunculus | Estragon | Staude, 0,6–1,2 m | Küchenkraut |
| A. abrotanum | Eberraute, „Cola-Kraut“ | Halbstrauch, bis 1,5 m | Duft- und Zierpflanze |
| A. schmidtiana | Silberraute | Polster, 20–30 cm | Zierpflanze |
| A. tridentata | Sagebrush | Strauch, bis 3 m | Landschaftsprägend (USA) |
Woran Sie eine Artemisia erkennen
Im Gelände führen vier Merkmale zuverlässig zur Gattung – und oft auch schon zur Art:
- Das Blatt: meist geteilt bis mehrfach gefiedert. Je feiner und farnartiger, desto eher Artemisia annua; je gröber gelappt, desto eher Artemisia vulgaris. Estragon fällt mit ungeteilten Blättern aus der Reihe.
- Die Unterseite: Ein weißfilziger Belag bei grüner Oberseite spricht klar für den Gewöhnlichen Beifuß. Beidseitig grün heißt: eher Einjähriger Beifuß.
- Der Duft: Blatt zwischen den Fingern zerreiben. SĂĽĂźlich-aromatisch deutet auf A. annua, herb-wĂĽrzig auf A. vulgaris, bitter-medizinal auf Wermut, anisartig auf Estragon, zitronig bis nach Cola auf die Eberraute.
- Die Blüte: winzige Körbchen in lockeren Rispen, gelblich bis bräunlich, ohne auffällige Blütenblätter. Wer nach großen Blüten sucht, ist in der falschen Gattung.

Verwendung: KĂĽche, Garten, Rohstoff
In der Küche sind zwei Arten fest etabliert: Estragon als feines Kraut der französischen Küche und der Gewöhnliche Beifuß als kräftiges Gewürz zu fettem Braten. Beide sind Lebensmittel und werden als solche gehandelt.
Im Garten spielen Silberraute, Eberraute und einige Wermut-Sorten ihre Stärke aus: Sie vertragen Hitze, karge Böden und wenig Pflege. Silbriges Laub setzt Kontraste zu dunkelgrünen Nachbarn und bleibt attraktiv, wenn die Blüte längst vorbei ist. Wie man die einjährige Verwandte selbst heranzieht, zeigt unsere Anbauanleitung.
Als pflanzlicher Rohstoff wird vor allem Artemisia annua gehandelt: getrocknet, gerebelt, geschnitten oder gemahlen. In Deutschland ist dabei die rechtliche Einordnung entscheidend – als Lebensmittel ist die Art hier nicht verkehrsfähig, gehandelt wird sie als botanischer Rohstoff ohne Lebensmittelzweck. Was dahintersteckt, erklärt unser Beitrag Ist Artemisia annua verboten?
Welche Art ist im Handel gemeint?
Steht auf einer Packung nur „Artemisia“, ist das keine Angabe, sondern eine Lücke. Üblich sind drei Fälle:
- „Artemisia“ oder „Artemisia annua“ bei Rohstoffen und Kapseln: gemeint ist fast immer der Einjährige Beifuß.
- „Beifuß“ im Gewürzregal: gemeint ist der Gewöhnliche Beifuß, Artemisia vulgaris – eine andere Art ohne nennenswerten Artemisinin-Gehalt.
- „Artemisia“ in der Gärtnerei: gemeint sind Zierarten wie Silberraute oder Eberraute.
Deshalb dieselbe Empfehlung wie bei jedem botanischen Einkauf: auf den vollständigen wissenschaftlichen Namen achten, auf die Angabe des Pflanzenteils und auf einen Anbieter mit Anschrift. Worauf es sonst noch ankommt, steht in unserer Kaufberatung.

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Zum Produkt →Häufige Fragen
Was ist Artemisia genau?
Artemisia ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Korbblütler mit je nach Quelle 200 bis knapp 500 Arten. Zu ihr gehören unter anderem der Einjährige Beifuß, der Gewöhnliche Beifuß, Wermut, Estragon und Eberraute.
Ist Artemisia dasselbe wie BeifuĂź?
Nicht ganz. „Beifuß“ ist der deutsche Name für mehrere Artemisia-Arten, im engeren Sinn für Artemisia vulgaris. Artemisia bezeichnet dagegen die ganze Gattung.
Welche Artemisia-Art enthält Artemisinin?
Nennenswerte Mengen bildet nur Artemisia annua, der Einjährige Beifuß. Andere Arten der Gattung enthalten praktisch keines.
Welche Artemisia-Arten darf man in der KĂĽche verwenden?
Etabliert sind Estragon (Artemisia dracunculus) und Gewöhnlicher Beifuß (Artemisia vulgaris); beide werden als Lebensmittel gehandelt. Artemisia annua ist in der EU nicht als Lebensmittel verkehrsfähig und wird als botanischer Rohstoff gehandelt.
Woran erkenne ich eine Artemisia im Garten?
An den meist fein geteilten, oft grau oder silbrig behaarten Blättern, am deutlichen Duft beim Zerreiben und an den winzigen, unscheinbaren Blütenkörbchen in lockeren Rispen.
Warum riecht Eberraute nach Cola?
Für den Duft sorgt die Zusammensetzung der ätherischen Öle. Je nach Sorte wird er als zitronig oder als colaartig beschrieben – daher der Handelsname „Cola-Kraut“.
Sind Artemisia-Arten winterhart?
Die meisten ja: Wermut, Eberraute, Estragon, Silberraute und Gewöhnlicher Beifuß sind ausdauernd und überstehen den Winter im Freien. Artemisia annua dagegen ist einjährig und stirbt nach der Samenreife ab.
- Royal Botanic Gardens, Kew: Plants of the World Online – Artemisia L.: powo.science.kew.org
- Wikipedia: Gewöhnlicher Beifuß (Artemisia vulgaris): de.wikipedia.org
- Wikipedia: Artemisia (Gattung) und Wermutkraut: de.wikipedia.org
- Nobel Prize Outreach: The Nobel Prize in Physiology or Medicine 2015 – Tu Youyou: nobelprize.org
Stand: September 2026. Dieser Beitrag beschreibt Botanik, Namen und Verwendungsbereiche der Gattung; er trifft keine Aussagen über Wirkungen der von uns angebotenen Rohstoffe. Bildnachweise stehen in den Bildunterschriften; die Fotos stammen von Wikimedia Commons und wurden für diese Seite nur in Größe und Dateiformat angepasst.